Industriekletterer - Draufgänger am Seil
Der erste Einsatz von Industriekletterern in großer Anzahl ist beim Bau des Hoover-Staudamms an der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten Nevada und Arizona rund 50 Kilometer südöstlich von Las Vegas (1931 bis 1935) dokumentiert. Es gibt sogar Filmaufnahmen, die zeigen, wie sich wagemutige Industriekletterer noch ohne die moderne Ausrüstung von heute mit einem einfachen Seil von der Steilwand des Black Canyon in Richtung Colorado River herablassen, um mit Presslufthämmern lockeres Gestein von den Schluchtwänden zu entfernen. Die Arbeit war extrem gefährlich, und es kam zu mehreren Todesfällen. Die Arbeit war aber auch die am besten bezahlte auf der ganzen Baustelle und die Industriekletterer genossen bei den anderen Arbeitern ein hohes Ansehen.
Obwohl die Arbeit der Industriekletterer heute durch den Einsatz moderner Arbeitsmittel und der Seilzugangstechnik nicht mehr so gefährlich ist und professionell abläuft, gelten Industriekletterer noch immer als verwegene Draufgänger. Wer einmal Industriekletterer in Aktion beobachtet und die verwunderten Blicke sowie anerkennenden Bemerkungen von Passanten registriert hat, weiß, was ich meine.
Auch beim Bau der Golden Gate Bridge (1933 bis 1937) wurden Arbeiter eingesetzt, die an Seilen hängend ihre Arbeiten durchführten. Der moderne Industriekletterer wurde aber erst in den 1970er Jahren erfunden. Auf britischen Bohrinseln wurden im Zuge der Erdöl- und Erdgasgewinnung Industriekletterer erst bei der Errichtung der Bohrinseln und dann bei deren Wartung und Pflege eingesetzt. Das Arbeitsverfahren, ein zweites, redundantes Sicherungsseil einzusetzen, wurde vom alpinen Bergsport übernommen und konnte hier zu ersten Mal beobachtet werden. Dieses Verfahren setzte sich in der Folgezeit durch.
Ein Jahrzehnt später wurden Industriekletterer regelmäßig von den großen Bau-Kombinaten der ehemaligen DDR eingesetzt. Wie so oft in der DDR war die Ursache für eine Neuerung der Mangel. Dieses Mal der Mangel an geeigneten Hebebühnen, Kränen oder Gerüsten. Industriekletterer wurden eingesetzt, um die maroden Stellen vieler Plattenbauten kostengünstig und ohne großen Materialaufwand auszubessern.
Nach der Wende bis Mitte der 1990er Jahre führten Industriekletterer ein Schattendasein. Nur wenige Industriekletterer waren in den Grauzonen der Vorschriften tätig. Die Arbeitsweise entsprach einfach nicht den strengen deutschen Richtlinien für den Arbeitsschutz.
Das änderte sich 1995 als die Künstler Christo und Jeanne-Claude ihr Projekt „Verhüllter Reichstag“ nach langer Vorbereitung umsetzen konnten. Da der Vorgang des Verhüllens zum Kunstwerk gehörte, wollten die Künstler, dass dieser von Menschen und nicht von Kränen oder mit Hilfe von Gerüsten durchgeführt wird. Für die Anbringung der 109.400 Quadratmeter aluminiumbedampften Polypropylengewebes wurden 90 Industriekletterer eingesetzt. Die Industriekletterer verbauten neben den 109.400 Quadratmetern Spezialgewebe noch 15.600 Meter blaues Polypropylenseil und 200 Tonnen Stahl für die Unterkonstruktion. Das Künstlerpaar erwirkte eine Sondergenehmigung für den Einsatz von Industriekletterern bei der Verhüllung des Reichstags. Dieses Kunstprojekt war die Initialzündung für die Branche.
Seither werden Industriekletterer immer häufiger für die verschiedensten Aufgaben eingesetzt. Hier nur einige Beispiele: die Durchführung von Wartungsarbeiten an Industrieanlagen, das Anbringen von Großplakaten und anderen Werbeträgern, das Reinigen von Gebäuden und Industrieanlagen im Innen- und Außenbereich, Montage- und Installationsarbeiten, das Auftragen von Korrosionsschutzmitteln und Aufgaben bei der Denkmalspflege. Diese Aufzählung wäre beliebig erweiterbar. Sie veranschaulicht aber auch so, wie vielseitig einsetzbar Industriekletterer sind.
